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Gesellschaft

Alles ist erleuchtet

Wie kann man noch glauben in Zeiten des Terrors? Wie zuversichtlich bleiben? Wie der Opfer angemessen gedenken? Martin Germer ist der Pfarrer der Gedächtniskirche am Berliner Breitscheidplatz. Er sagt, dass man Trauer nicht messen könne. Und dass im Leben letztlich immer die Haltung zählt

By Johann H. Addicks / addicks@gmx.net [GFDL, via Wikimedia Commons
von
Anja Reich
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Gesellschaft

BERLIN. Am Tag, als die Osterkerze in der Gedächtniskirche ankommt, wird erst einmal eine andere Kerze angezündet. Eine schlichte weiße. Sie steht links vor dem Altar, ein einzelnes Licht im tiefblauen Kirchenraum, das an die Opfer des Terroranschlags in Ägypten erinnert. 45 Tote, 120 Verletzte, alle Kopten, die christliche Minderheit des Landes. Ein islamistisches Massaker am Palmsonntag, ein Angriff auf das Herz des Christentums.

Martin Germer hat abends von dem Anschlag gehört, er hat für seine Glaubensbrüder gebetet, eine Mitarbeiterin hat die Kerze angezündet. Das übliche Ritual, muss man leider sagen. Gerade noch stand an der Stelle, wo jetzt die Kerze für die koptischen Christen brennt, die Kerze, die an die Opfer des Lkw-Anschlags in Stockholm erinnerte. Und die ersetzte die Kerze in Gedenken an die U-Bahn-Attacke von St. Petersburg. Drei Terrorangriffe in einer Woche, drei Kerzen in einer Woche.

Martin Germer verschränkt die Hände vor seiner Brust. Er ist der Pfarrer der Kirche, ein 60-jähriger Mann im offenen Jackett und mit Rucksack auf dem Rücken, der eher aussieht wie einer der Touristen, die an diesem Morgen in die Kirche kommen und jetzt vor der Kerze am Altar stehenbleiben. Niemand erkennt ihn, niemand weiß, welche Gedanken er sich macht, über die Opfer der Anschläge natürlich, aber auch darüber, wie man der Opfer gedenkt. Stellt man jedes Mal wieder eine neue Kerze auf, wenn ein Anschlag passiert? Und was macht man mit…

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15.04.2017