Lesezeit 8 Min
Gesellschaft

1246 Tage

Agid Sulaiman ist als Flüchtling aus Syrien gekommen. Seit dreieinhalb Jahren lebt er in Berlin, hat stets die drohende Abschiebung vor Augen. Denn Deutschland will ihn loswerden, er soll nach Bulgarien. Wo man ihn aber auch nicht will. Was tun?

BERLINER ZEITUNG / MARKUS WÄCHTER
von
Julia Haak
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Gesellschaft

BERLIN. Schere und Rasierer liegen in einem kleinen Friseurwagen bereit. Agid Sulaiman nimmt einen lilafarbenen Umhang vom Haken, schüttelt ihn auf und während seine Arme schwungvoll einen Halbkreis beschreiben, legt sich der Mantel sacht seinem Kunden um den Hals. Wie ein Profi wirft Agid Sulaiman einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel. "Hinten kurz, oben ein bisschen länger", fragt er. Dann setzt er den Rasierer an und die ersten Haare fallen.

An dieser Stelle könnte jetzt eine schöne Friseurgeschichte stehen. Der Syrer mit der Schere und dem Rasierer, ein geflüchteter Mann aus Syrien, der es in Deutschland geschafft hat. Ein Mann, ein Job - ein Mensch, auf dem besten Weg, ein wertvolles Mitglied der deutschen Gesellschaft zu werden.

Die Dinge sind aber leider sehr viel komplizierter. Dieser Friseursalon ist zum Beispiel nur ein provisorisch eingerichteter Raum in einer Köpenicker Flüchtlingsunterkunft. Auf dem Frisierstuhl sitzt kein Kunde, sondern der elfjährige Alan - ebenfalls aus Syrien. Und Geld gibt es für das Haareschneiden natürlich auch nicht. "Ich schneide gerne Haare, wirklich gerne", sagt Sulaiman. Er hat ein Praktikum bei einem Friseur in Köpenick gemacht. Die Stelle hat er sich selbst besorgt. Haareschneiden hat er sich selbst beigebracht. Mittlerweile hat Agid Sulaiman schon sehr vielen der 380 Bewohner des Containerdorfs in Köpenick die Haare gekürzt. Er hat ja so viel Zeit. Andererseits läuft sie ihm auch davon…

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26.06.2017